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Unverlangt eingesandt

Für mich als Leserin des Leverkusener Anzeigers/Kölner Stadt-Anzeigers ist die Rubrik "Unverlangt eingesandt" ein tolles Medium. 

Folgende Beiträge wurden bisher veröffentlicht:

 

 

11./12.04.2015

Käse-Tulpen-Suppe

Britta Heinrichs erzählt, wie ein Familiengericht einen neuen Namen bekam
 

 

Mein Portemonnaie platzt aus allen Nähten - leider nur in Bezug auf Kassenbons und andere Zettelchen, die ich nun aussortiere. Ein Bon vom Supermarkt lässt mich stutzen. Tulpen? Und gleich vier Sträuße? Hab ich nicht gekauft! Viermal 3,79 Euro für Tulpen!

Ich studiere die anderen Artikel und bin entsetzt: Statt der vier Stangen Lauch zu 59 Cent für meine Käse-Lauch-Suppe hat die Kassiererin 15,16 Euro für Blumen berechnet, was mir zugegebenermaßen beim Bezahlen nicht aufgefallen ist. Ich ärgere mich über mich selbst. Es ist Samstagnachmittag und ich bezweifle, dass eine Reklamation am kommenden Montag noch Aussicht auf Erfolg haben wird, aber versuchen werde ich es auf jeden Fall. Zur Sicherheit mache ich ein aussagekräftiges Foto mit dem Smartphone, bevor ich das Gemüse verarbeite.

Die Suppe schmeckt wie immer hervorragend. Doch ich verpflichte meine Männer, diese "mit Andacht" zu essen, wie meine Mutter bei besonderen Gerichten immer zu sagen pflegte. Wir essen also mit Andacht die teure Suppe und benutzen dafür sogar das gute Geschirr. Als mein Sohn sonntags gegen Mittag hungrig in der Küche erscheint, fragt er mit einem fiesen Grinsen, ob noch etwas von der leckeren "Käse-Tulpen-Suppe" übrig sei. Haha!

Montags wende ich mich dann im Supermarkt hilfesuchend an die Filialleiterin, die nach einem Blick auf den Kassenzettel und anhand der anderen einschlägigen Zutaten keinen Fotobeweis mehr benötigt. Sie ist sichtlich amüsiert und errechnet sofort die Differenz, die ich dann von der gleichen Kassiererin wie beim ersten Einkauf, zusammen mit einem flotten Spruch, wieder ausgezahlt bekomme. Dank meines Sohnes hat die gute alte Käse-Lauch-Suppe bei uns nun wohl langfristig einen neuen Namen.


 

31.05./01.06.2014

Konifere als Kunstobjekt

Britta Heinrichs ist beeindruckt von der Kreativität ihrer neuen Nachbarn

 

Die neuen Nachbarn sind uns in vielen Punkten sehr ähnlich. Auch sie leben mit drei Generationen unter einem Dach, auch sie feiern gerne, und auch sie haben Sinn für Humor. Eines schönen Frühlingstages sind wir alle wieder in unseren Gärten zugange. Die Nachbarn haben aus ihrem Grundstück ein kleines Paradies geschaffen: akkurater Rollrasen, ein von Palmen umrahmter Pool, ein kleines Gewächshaus und Spielgeräte für das Enkelkind. Wir hingegen dulden unser Unkraut und sind auch sonst mangels grünen Daumens sehr tolerant gegenüber allem was wächst und im Idealfall auch blüht. Hauptsache schön grün. Der Nachbar, mit dem wir gerne ein Schwätzchen halten, fragt über den Zaun hinweg, ob wir ihm unsere Leiter leihen könnten, er „möchte den Baum ansprühen“. Meint er die Konifere, die verdorrt in einer Reihe grüner Artgenossen das Grundstück zur anderen Seite begrenzt? Da ist sicher nichts mehr zu retten. In diesem Baum ist kein Funken Leben mehr. Kein Dünger oder Pflanzenschutzmittel ist in der Lage, hier noch was zu retten. Die große Leiter wird von starken Armen auf das Nachbargrundstück gehoben und dort von ebenso starken Armen in Empfang genommen. Wir widmen uns wieder unseren eigenwilligen Weinranken und dem Moos. Nach einer Weile stutze ich. Was ist das für ein Geräusch? Klack-klack-klack, psch-psch… Neugierig blicke ich über den Zaun und kann es nicht fassen! Unsere Nachbarn besprühen tatsächlich die tote Konifere – mit grüner Farbe! Auf eine solche Idee muss man erst einmal kommen. Wir beobachten dieses Schauspiel eine Weile und erfahren dann, dass das nachbarliche Familienoberhaupt als ehemaliger Messebauer mit dieser Methode bisher immer gut gefahren ist. Anhand einer Astprobe hat er im Baumarkt einen möglichst naturgetreuen Farbton gekauft und färbt nun schön gleichmäßig Ast für Ast um.

Das Ergebnis kann sich in der Tat sehen lassen. Die neuen Nachbarn sind uns in vielen Punkten sehr ähnlich – aber in punkto Kreativität um Längen voraus. Koniferen als Kunstobjekt können wir nicht vorweisen - wären wir auch nicht drauf gekommen.

 

 

09./10.06.2012

Alle Jahre wieder

Eine sehr peinliche Erinnerung an die Fußball-EM 1996

 

Gerade startet eine Veranstaltung, zu der ich ein sehr gespaltenes Verhältnis habe: die Fußball-Europameisterschaft. Im Vorfeld schüttet meine Familie - allen voran meine Schwester - bereits Häme über mich aus und wer meinen lieben Schwager kennt, der weiß, dass er so schnell nicht wieder aufhören kann mit dem Lachen – in diesem Fall Auslachen – wenn er einmal angefangen hat. Vielleicht ist es nun an der Zeit, endlich reinen Tisch zu machen und die Flucht nach vorn anzutreten - indem ich eines meiner peinlichsten Erlebnisse mutig öffentlich bekenne, damit wieder Ruhe einkehrt.

Wir schrieben das Jahr 1996 und die EM fand im schönen England statt. Unsere Jungs stellten sich unter Berti Vogts auch sehr gut an und schossen sich Runde um Runde bis ins Finale. Kein Spiel wurde verpasst und das Privatleben richtete sich für einige Zeit ausschließlich nach den Spielplänen. Am Finaltag war die Anspannung riesengroß. Würden wir Tschechien besiegen und Europameister werden? Unser Wohnzimmer erstrahlte in schwarz-rot-gold, das Bier stand kalt und wir durchlebten einen spannenden Fernsehabend, der durch ein Golden-Goal von Bierhoff in einem Sieg der Deutschen Nationalmannschaft mündete. Endlich!

Ein paar Tage später kehrten meine Schwester und ihr Mann aus ihrem Kanada-Urlaub zurück, den sie mit einem befreundeten Paar dort verbracht hatten. Es gab viel zu erzählen und wir lachten über den Bericht der Urlauber, dass sie das Finale morgens im Hotelzimmer hätten gucken können – wohl wegen der lauten Anfeuerungsrufe sehr zur Verwunderung des Zimmermädchens. Und jetzt kommt er - der wohl peinlichste Satz, den ich je in meinem Leben ausgesprochen habe:

„Wenn ihr das Endspiel schon morgens geguckt habt, hättet ihr ja mal anrufen und das Ergebnis durchgeben können; dann wäre uns die ganze Aufregung erspart geblieben.“

Beim Blick in die Gesichter der Anwesenden und dem dann ausbrechenden Gelächter wurde mir sofort klar, dass ich das nie wieder loswerden würde. Und so war es auch. Alle vier Jahre bin ich das Gespött der Familie, die nicht müde wird, mir diesen Ausspruch immer wieder aufs Brot zu schmieren. Bisher warte ich vergeblich darauf, dass jemand mir den Rang als peinlichstes Familienmitglied abläuft.

Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

 

03./04.09.2011

Schmuggler auf Klassenfahrt

Mutter hilft Sohn, das Handy vor der Lehrerin zu verstecken

 

Zum Abschluss des Schuljahres ging es los. David fuhr auf große Klassenfahrt - eine Woche Jugendherberge im Oberbergischen. Die Vorbereitungen waren aufwändig. Dank einer ausführlichen Liste der Klassenlehrerin hakten wir Dinge wie Zahnbürste, Unterwäsche und Regenbekleidung recht schnell ab.

Doch dann wurde es kniffelig. Laut Klassenleitung war die Mitnahme von jedwedem elektronischen Gerät ausdrücklich und bei Strafe verboten. Was meinen Sohn nicht daran hinderte, sich darüber hinwegsetzen zu wollen. „Wir schmuggeln alle! Die ganze Klasse! Sogar die Mädchen!“, versicherte er mir glaubwürdig und zählte auf, welche Handys, Konsolen und MP3-Player heimlich von seinen Klassenkameraden mitgeführt werden würden. Für eine besorgte Mutter ist der Gedanke äußerst unangenehm, eine ganze Woche keinen telefonischen Kontakt mit dem einzigen Kind zu haben, und ich überlegte, ihn bei seinen Schmuggelplänen tatkräftig zu unterstützen. Seine beiden Lehrerinnen verfügen aufgrund weitreichender Erfahrungen über einen enormen detektivischen Spürsinn, was die Sache nicht einfacher machte.

Wir unternahmen also einen kleinen Ausflug zum örtlichen Supermarkt. In der Süßigkeitenabteilung wurden wir fündig. Doch wie groß ist eigentlich so eine Playstation-Portable-Konsole im Etui? Hätten wir die doch besser mitgenommen. Zur Sicherheit erstanden wir mehrere in Frage kommende Packungen mit diversen Sorten Plätzchen, Schokoknusperflakes und Müsliriegeln. Wieder zuhause nahmen wir Maß und freuten uns diebisch, dass die Oreo-Schachtel haargenau die richtige Größe hatte. Dann suchten wir weiter nach einer Tarnvorrichtung für das Mobiltelefon. Auf der Mitnahmeliste standen unter anderem Collegeblock und Mäppchen. Das war es! Aus Pappe und schwarzem Fotokarton bastelten wir einen doppelten Boden für seine Stiftebox, unter dem wir das Handy verschwinden ließen. Das wäre erledigt. Die Konsequenzen einer Entdeckung wollte David tapfer tragen.

Am Abreisetag schlossen wir noch am Bus eine Wette darüber ab, ob der "Schmuggel" entdeckt werden würde. Bereits in der ersten Nacht erreichte mich eine SMS mit der verzweifelten Nachricht: „Ich bin dein Sohn, hol mich hier raus!“ Am nächsten Abend berichtete er von vier Wespenstichen und am Tag darauf ließ er uns von einem üblen Muskelkater wissen. Der arme Junge, er litt ganz fürchterlich. Ich sandte aufmunternde Worte zurück und erwartete sehnsüchtig weitere Nachrichten. Vergeblich. Sicher war er erwischt worden.

Als er endlich zerzaust, schmutzig und übernächtigt aus dem Bus stieg, ließ er sich sogar umarmen – vor den Augen seiner Mitschüler. Er musste traumatisiert sein. Doch weit gefehlt. Wieder zuhause erfuhren wir, dass er die Konsole gar nicht und das Telefon nur für die drei SMS benutzt hatte. Es gab Wichtigeres zu tun.

Dann holte er eine Runde Schlaf nach und mir blieb vorerst ein Koffer voller Schmutzwäsche.

 

11./12.12.2010

Ein Prost mit Willy Birgel

Britta Heinrichs Onkel William war Schauspieler

Seit kurzem trage ich als Schmuckstück einen Siegelring aus Familienbesitz. Ein Ring, der mich fröhlich stimmt. Die Initialen WR stehen für meinen Großonkel William, einen seltsamen Zeitgenossen. Geboren im Jahr 1900 und von Beruf Schauspieler hat er vor vielen Jahrzehnten in unsere Familie eingeheiratet.

Seine Frau, meine Großtante Martha, war wesentlich jünger als er und im Gegensatz zu ihm sehr herzlich. Die beiden lebten in Wiesdorf in einer großen Altbauwohnung mit getrennten Schlafzimmern, was für uns als Kinder außergewöhnlich war. Wenn ein Besuch anstand, war das Abenteuer pur, denn man konnte nie wissen, was Onkel William wieder im Schilde führte. Meist saß er umgegeben von vielen Requisiten in seinem Sessel und rauchte dicke Zigarren. An den verräucherten Wänden hingen überall Schwerter, Pistolen und Masken aus seinem Berufsleben. Sein ganzes Benehmen war eine Inszenierung wie zu alten Theaterzeiten. In der Regel trug er zur Reithose mit den wie früher üblichen am Oberschenkel ausgebeulten Hosenbeinen einen Cowboyhut und ein Pistolenholster samt Inhalt.

Alternativ residierte er im edlen Morgenmantel mit Schal und Fez. Manchmal trug er einen angeklebten Schnäuzer. Für meine Schwester und mich war er sowohl unheimlich als auch faszinierend. Kinder mochte er nicht. Unsere Besuche endeten meist spontan nach seiner Aufforderung: „So, jetzt habt ihr genug gegessen und getrunken und seid aufgewärmt. Ihr könntet langsam mal wieder gehen.“

Aus seinem Nachlass besitze ich nun den besagten Siegelring – groß und etwas protzig wie er – sowie ein Portrait von ihm und ein altes UFA-Foto einer Filmszene, auf dem er definitiv als Mitwirkender zusammen mit dem berühmten Willy Birgel zu erkennen ist. Es muss sich um einen aufwendigen Kostümfilm gehandelt haben. Vor einiger Zeit fiel mir dann zufällig auf, dass der Film „Zu neuen Ufern“, aus dem das Foto stammt, in einem der dritten Programme ausgestrahlt wurde. Zusammen mit meiner Mutter verbrachte ich den späten Vormittag gebannt vor dem Fernseher, immer auf der Suche nach Onkel William. Endlich würden wir ihn mal in Aktion sehen. Wir schauten und schauten und warteten - dann endlich in der Schluss-Szene: Auftritt Onkel William. Mit einem Sektglas in der Hand tritt er auf Willy Birgel alias Sir Finsbury zu und gratuliert mit wortloser Geste zu dessen Verlobung. Prost. Und das war es! Abspann. Trotz der frühen Tageszeit köpften meine Mutter und ich daraufhin lachend eine Flasche Sekt, prosteten uns ebenfalls zu und tranken auf einen großen Schauspieler. Denn das war er definitiv!

 

Foto: UFA - aus dem Nachlass meines Onkels (4. v. links)

 

01./02.05.2010

"Mama, was essen Türken?"

Britta Heinrichs Sohn ist beim Spielkameraden eingeladen

 

Wir befinden uns gerade auf dem Heimweg von einem Einkaufsbummel, als mein Sohn mich unvermittelt fragt: „Mama, was essen eigentlich Türken?“ „Ja, Türken - gute Frage - also, ich kann dir sagen, was Türken auf keinen Fall essen, und das ist Schweinefleisch.“ David nickt: „Das weiß ich, aber wieso denn nicht?“ Ich überlege: „Weil es ihnen der Koran verbietet. Schweine sind außerdem Allesfresser. Wenn man es genau nimmt, dann ist es wohl ganz richtig, kein Schweinefleisch zu essen.“ Mein Sohn hat eine Idee: „Ich glaube, dass mir türkisches Essen gut schmeckt. Türkische Pizza, Döner, Dürüm, lecker!“ Ich bremse ihn ein wenig: „David, wir Deutschen essen auch nicht jeden Tag Fastfood und Italiener essen nicht jeden Tag Pizza.“ „Ja, aber was essen die Türken denn nun, Mama?“ Ich lasse unseren letzten Türkeiurlaub Revue passieren und schlendere im Geiste am Hotel-Buffet entlang. Lammfleisch als Eintopf oder Gulasch fällt mir da ein. Rind, Lamm und Geflügel vom Grill, leckere Salate und vor allem ‚Köfte‘. „Erinnerst du dich an die leckeren, würzigen Fleischbällchen?“ Allein bei dem Gedanken läuft mir das Wasser im Mund zusammen. David nickt. „Ja, lecker! So ähnlich wie die Köttbullar in Schweden.“ Na ja, also ich gebe Ersterem eindeutig den Vorzug. „Ich glaube, die Türken kochen genau so Kartoffeln und Gemüse wie wir. Aber wieso fragst du überhaupt?“ Mein Sohn strahlt: „Ich wollte mich mal mit Dilek direkt nach der Schule zum Spielen treffen.“ Ah, daher weht der Wind. Der Bengel macht sich Gedanken um sein leibliches Wohl. „David, tu mir dann bitte einen Gefallen: Auch wenn du das Essen nicht kennst, probiere, ob es dir schmeckt und sag nicht direkt ‚bäh‘.“

Das will er auf jeden Fall tun. Erfreulicherweise ist mein Sohn von Geburt an jeglichem Lebensmittel gegenüber aufgeschlossen. Als der besagte Verabredungstag näher rückt, ist ihm aber doch nicht ganz wohl bei der Sache. „Mama, kannst du mir heute zwei Butterbrote mitgeben – für alle Fälle?“ Der Kleine macht sich wirklich Gedanken. „Nein, mach dir mal keine Sorgen. Es wird dir sicher schmecken. Du magst doch auch sonst fast alles.“ Skeptisch verlässt David das Haus in Richtung Schule und unbekannter Esskultur. Als wir ihn am Abend bei Dilek abholen, wirkt er sehr entspannt. Die Hausaufgaben sind fertig und die Spielkonsole braucht dringend eine Pause. Auf der Rückfahrt im Auto grinst David zufrieden. Er macht es richtig spannend. Neugierig möchte ich nun endlich wissen, was er denn Leckeres zum Mittagessen bekommen hat. „Mama, du wirst es nicht glauben: Es gab Bratkartoffeln mit Spiegelei – und es hat viel besser geschmeckt als bei dir!“

 

28./29.11.2009

Der Wunschzettel für den Nikolaus

Wie Britta Heinrichs Sohn David die Wahrheit über das Christkind erfuhr

 

Der Advent kündigt sich an. In den Supermärkten werden schon die Lebkuchen und Spekulatius angeboten und ich gebe es zu: Trotz der noch fast spätsommerlichen Temperaturen kann ich es mir auch in diesem Jahr nicht verkneifen, eine Packung Dominosteine nach Hause zu schmuggeln. Ich schütte mir einen Kaffee auf und genieße still für mich den ersten Adventsboten. Doch ein bisschen Wehmut ist auch dabei. In diesem Jahr wird alles anders sein. Das Fest der letzten Jahre wird es nie mehr geben.

Der Grund ist mein Sohn im Grundschulalter - schuld bin ich ganz allein. Mein verhängnisvoller Satz lautete: "David, gibst du mir mal den Umschlag aus der Schublade?" Sonst muss man dem Burschen ja alles dreimal sagen, aber an diesem Tag hörte er sofort. Er reichte mir den gewünschten Umschlag, dann nahm er aus der Schublade einen blauen Zettel, überflog ihn, stutzte und stellte die Frage, die unserem familiären Weihnachtszauber ein jähes Ende bescherte: "Mama, wie kommt denn mein Wunschzettel vom letzten Jahr hier in die Schublade?" Jetzt hätte ich ja noch etwas retten können, aber mir fiel nichts ein. Nichts. Meinen Gesichtsausdruck muss er richtig gedeutet haben. Er tönte: "Habe ich es doch gewusst: Das Christkind gibt es gar nicht! Ihr kauft die Geschenke!" Ich stotterte schnell irgend etwas, wie "dem Nikolaus helfen" und "er hat den Zettel wohl verloren".

Bei uns nimmt nämlich der Nikolaus am 6. Dezember den Wunschzettel mit. Zum Dank lachte mich mein Sohn hämisch aus und verschwand triumphierend in seinem Zimmer. Da saß ich nun und hätte heulen können. Vorbei die Zeiten der heimlichen Abstecher in die Spielwarenabteilungen. Niemand wird nun während des Weihnachtsessens unten bei Oma nochmal schnell nach oben laufen müssen, um "etwas ganz Wichtiges zu holen, was noch fehlt", tatsächlich jedoch um Omas Geschenke zu platzieren. Etwas wehmütig sitze ich nun da und denke an die vergangenen Jahre, als mein Sohn sich zu mir gesellt. Er stibitzt sich ein paar Dominosteine und schlägt mit vollem Mund gönnerhaft vor: "Wenn ihr wollt, mache ich trotzdem einen Wunschzettel für den Nikolaus."

Wir grinsen uns an. Und etwas Gutes hat die Sache ja: Wir werden bei der Bescherung künftig nicht mehr im Kalten sitzen, weil ja nun während der Christmette und des Abendessens das Fenster geschlossen bleiben kann.

 

20./21.06.2009

Unsichtbar in der Türkei

Nationaltrikot oder Trinkgeld - die Kellner schauen auf anderes

 

Endlich ist es soweit. Wir fliegen in den Urlaub. Eine Woche Türkei, fünf Sterne, all inclusive. Ein Last-Minute-Schnäppchen. Als wir mitten in der Nacht im Hotel ankommen, sind wir direkt angenehm überrascht: Das Hotel heißt "Sultan" und macht einem Palast alle Ehre. Wir werden freundlich begrüßt. Die Koffer werden uns praktisch aus der Hand gerissen, um sie in unser Zimmer zu transportieren.

Dort wartet die nächste Überraschung: Anstelle des Doppelzimmers mit Zustellbett erhalten wir eine wunderschön dekorierte Zwei-Zimmer-Suite. Unsere Stimmung könnte nicht besser sein. Am nächsten Morgen suchen wir das Frühstücksrestaurant auf und nehmen Platz. Die Tische sind nicht mehr vollständig eingedeckt, aber es ist ja auch schon kurz vor Schluss. Ja, und dann warten wir. Als nach geraumer Zeit keiner der zahlreichen Kellner auf uns aufmerksam wird, suchen wir uns das Besteck von den Nachbartischen zusammen und genießen ein reichhaltiges Frühstück. Morgen werden wir etwas früher aufstehen.

Am Abend das Gleiche: Man scheint uns nicht wahrzunehmen. Wir vergewissern uns, dass wir keine Tarnkappen tragen. Die Leute, die am Nebentisch Platz nehmen, grüßen uns freundlich - und werden sofort bedient. Wir warten. Erst als wir fast mit dem Essen fertig sind, gelingt es uns, einen der Kellner auf uns aufmerksam zu machen. Am zweiten Morgen - etwas früher dran, aber nicht erfolgreicher als am Morgen zuvor. Wir überlegen und kommen zu dem Schluss, dass wir einfach zu blass sind. Wir fallen nicht auf. Also genießen wir das schöne Sommerwetter und bräunen den ganzen Tag fröhlich am Pool. Abends betreten wir leuchtend (ich selbst musste mit etwas Puder nachhelfen) das Restaurant. Nichts! Das gibt es doch nicht.

Wir versuchen, uns einzuschmeicheln. Wir sprechen einen der Kellner in perfektem Türkisch an und übermitteln ebenfalls in der Landessprache unsere Getränkebestellung. Er wiederholt diese auf Deutsch und verschwindet. Wir warten. Beim nächsten Frühstück erwischen wir einen eingedeckten Tisch und werden ansonsten übersehen, obwohl unser Sohn das türkische Nationaltrikot trägt. Vielleicht sollten wir ein bisschen shoppen gehen.

Auf dem Markt erstehen wir günstig äußerst farbenfrohe Designerkleidung. Das sollte doch für ausreichend Auffälligkeit sorgen. Am Abend werden wir eines Besseren belehrt. Am nächsten Tag versuchen wir es im hoteleigenen A-la-carte-Restaurant, genießen ein tolles, landestypisches Menü und geben dem zuvorkommenden Kellner berechnenderweise ein reichliches Trinkgeld.

Am nächsten Morgen erinnert er sich trotzdem offensichtlich nicht an uns. Ein Gespräch mit anderen Gästen öffnet uns die Augen: Wir beobachten, dass vorwiegend die Tische vom Personal umlagert werden, an denen sich unter anderem hübsche, junge Teenagerinnen befinden. Wir haben kein Kind der gewünschten Zielgruppe dabei und geben auf. Doch wir haben selten so viel miteinander gelacht wie in dieser Woche Urlaub.

An dieser Stelle noch ein Aufruf an alle weiblichen Teenager: Wer möchte uns nächstes Jahr in die Türkei begleiten?

 

27./28.09.2008

Wenn's dem Busfahrer stinkt

Bis zur Haltestelle vier dreimal hupen, einmal "Arschloch"

 

Auf meinem Weg zur Arbeit bin ich auf den Bus angewiesen. Die Fahrt führt mich über 24 Haltestellen bis zur Endstation. Eine Fahrt vor einiger Zeit war zumindest nicht langweilig, weswegen ich sie hier kurz schildern möchte: Beim Einsteigen wird mein freundlicher Gruß nicht erwidert – das ist aber nichts Außergewöhnliches. Also erst mal Platz nehmen. Bis zur Haltestelle vier dreimal lautes Hupen durch Busfahrer, davon einmal begleitet mit lautem Ruf „Arschloch!“ an einen anderen Verkehrsteilnehmer. Dieser hat es natürlich nicht gehört, wohl aber alle Fahrgäste bis zu den hintersten Plätzen.

Bis zum siebten Halt noch zweimaliges Hupen und unverständliches Geschimpfe. Ich bin nun sicher, dass der Fahrer schlechte Laune hat – kann passieren. An der Haltestelle acht wird es dann spannend: Der Busfahrer muss das Fahrzeug verlassen, um die Rampe für einen Rollstuhlfahrer aufzuklappen. Als er den Bus wieder betreten möchte, stehen ihm zwei Jugendliche im Weg, die eigentlich nur darauf warten, einen Fahrschein lösen zu können. Kein Problem für den Fahrer: Er packt wortlos den einen von hinten am Tornister, zieht ihn ruckartig aus dem Bus und stellt ihn auf dem Bürgersteig ab. Nicht den Tornister – den Jugendlichen! Der andere ist schlau und macht nach dem Anpfiff: „Hau ab da!“ freiwillig Platz.

Ein neugieriges Kind fragt nun unverschämterweise in den Bus herein: „Warum haben Sie denn den Jungen aus dem Bus gezogen?“ – Das hätte er nicht tun sollen. Der Fahrer schreit ihn an: „Halt bloß die Klappe, du! Mir reicht es jetzt!“ Dann schließt er dem Jungen vor der Nase die Türe und fährt mit in dessen Richtung ausgestrecktem Mittelfinger weiter.

An Halt Nr. elf steht ein junger Mann auf und begibt sich nach vorne. Ich halte die Luft an. Wie kann er es auch wagen, den Fahrer zu fragen, ob der über die Karl-Ulitzka-Straße fährt. Also wirklich! Der Fahrer antwortet barsch, dass er über Berlin (?) fahre und außerdem überall und nirgends hin. Der junge Mann wiederholt ungläubig seine Frage wie folgt: „Ich frage doch nur, ob Sie über Karl-Ulitzka-Straße fahren.“ Da wird er angeblafft, dass er sich gefälligst informieren soll, bevor er Bus fährt, wie er wo hinkommt. Ihm (dem Fahrer) wäre es egal.

Kopfschüttelnd nimmt der junge Mann seinen Platz wieder ein und wird vom Sitznachbarn freundlich beraten. Der Fahrer verkündet inzwischen laut, dass es ihm für heute reicht. Ich glaube ihm. Bis zur 16. Haltestelle können wir uns alle erneut mehrfach vergewissern, dass die Hupe funktioniert. Dort steigt eine junge Frau zu und hat entweder zuwenig Kleingeld, oder dasselbe in der momentan unpassenden Stückelung dabei. Sie weiß auch nicht genau, was ihre Fahrt kostet und wird vor allen Fahrgästen deswegen lautstark gerügt. Sie schüttelt ebenfalls nur mit dem Kopf.

Tief durchatmen. Bis zum Halt Nr. 17 bleibt es bis auf ein Hupen still im vorderen linken Bereich. Vier Haltestellen weiter steigt dann ein offensichtlich gehbehinderter Mann mittleren Alters umständlich in den Bus. Als der Fahrer ihm lautstark verkündet: „Na, da haben Sie aber Glück, dass ich Verspätung habe, sonst hätten Sie den Bus nur noch von hinten gesehen!“, ist mir klar, dass ich das Busunternehmen über diese Fahrt gerne informieren möchte. Ich bekomme bereits am übernächsten Tag ein nettes, vorformuliertes Schreiben. Der Fahrer ist weiterhin lustig im Stadtgebiet unterwegs.

Ach nein: Lustig nicht wirklich.

 

23./24.02.2008

Ein richtig netter Vormittag

Kleine Spitzen bei Kaffee, Ei und Brötchen

 

Ich lächele meinem Spiegelbild in der Glasscheibe der Haustür kurz zu und drücke auf die Klingel. „Grüß dich, schön dass du da bist. Gut siehst du aus.“ In unregelmäßigen Abständen lädt eine aus unserem illustren Kreis zum fröhlichen Frauenfrühstück. Heute ist es wieder soweit. Nach und nach treffen schnatternd die Damen ein. Es werden Komplimente gemacht. „Neue Frisur? Also, lang stand dir aber besser.“ Küsschen links – Küsschen rechts. „Ist deine Bluse nicht ein bisschen gewagt?“

Ich fühle mich richtig prima heute. Bis mich die Kosmetikerin prüfend mustert: „Sag mal, geht es dir nicht gut? Du siehst irgendwie krank aus.“ Ich korrigiere: Ich fühlte mich prima – bis jetzt. Die Gastgeberin muntert mich wieder auf: “Wenn ich Pastell trage, sehe ich auch immer so aus.“ Das Problem scheint also gelöst. „Setzt euch, Mädels, der Kaffee wird kalt.“ Die Architektin lobt die üppige Tischdekoration: „Wie schön, das ganze Herbstlaub – hat man das jetzt wieder?“ Das Lächeln der Gastgeberin ist wie gemeißelt. „Greift zu!“

Wir schneiden Brötchen auf, köpfen Eier und plaudern über die Nichtanwesenden. Ich freue mich, dass ich es heute einrichten konnte, dabei zu sein. Wie bei dem Spiel „Stille Post“ nimmt der Wahrheitsgehalt der Aussagen während der Unterhaltung rund um den Tisch kontinuierlich ab. „Das ist ja ein Ding! Wirklich?“ – „Ja, ganz ehrlich. Genauso habe ich es von dem gehört, der es von dem gehört hat.“ Die Sportlehrerin blickt neidisch auf mein Leberwurstbrötchen, während sie eine Scheibe Schwarzbrot mit Gurkenscheiben belegt.

Die stille Post geht in die zweite Runde. Wahrheitsgehalt: inzwischen bei Null – Sensationspegel: grenzwertig. „Ach, du meine Güte – ich bin sprachlos!“ Auch das ist eine glatte Lüge. Die Gastgeberin fragt gutgelaunt: „Na, Mädels, wer trinkt ein Gläschen Sekt?“ An diesem Punkt sind wir uns alle einig: „Her mit der Brause!“ Die Stimmung steigt. „Ist das nicht der aus dem Sonderangebot?“ fragt die Verkäuferin skeptisch und nippt vorsichtig an ihrem Glas. „Naja, kann man trinken; wenigstens ist er schön kalt“, lobt sie dann anerkennend. Puuh. Die Gastgeberin entspannt sich wieder. So geht es munter weiter, bis gegen Mittag der kollektive Aufbruch naht. Das war doch mal wieder ein richtig netter Vormittag. „Bis zum nächsten Mal, ihr Lieben.“ Küsschen links – Küsschen rechts. 

Der bittere Nachgeschmack kann nur vom Kaffee sein.